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Killerspiele? Nein, Kulturgut mit Gewaltinhalt!

Vorsicht! Dieser Blogeintrag repräsentiert die Meinung von Weiss Reto. Nach wie vor hält sich der Autor an Fakten, aber hier wird bewusst NICHT neutral geschrieben.

Bevor wir das Rad zurückdrehen,  wollen wir erst einmal analysieren, wie es im Jahre 2017 um die Computerspielbranche steht. Wir zitieren die Bundeskanzlerin von Deutschland Angela Merkel bei ihrer Eröffnungsrede der Gamescom 2017 (*1) in Köln: "Computerspiele sind als Kulturgut und Innovationsmotor und als Wirtschaftsfaktor von allergrössten Bedeutung", Sie möchte gar Computerspiele in den Schulunterricht integrieren: "Damit wird der Umgang mit dem Medium und der Technologie trainiert sowie auch vernetztes Denken gefördert".
Ähnliche Stimmen gibt es auch aus der Schweiz und vielen weiteren Ländern.
Tatsächlich ist die Computerspielbranche ein relativ grosser Markt, 2015 wurde in Deutschland mit Computerspielen und dessen Zubehör knapp 3 Milliarden Euro Umsatz erzielt (*2), diese Zahlen sind vergleichbar mit den Umsätzen von Filmen (Kinoeintritte, DVDs etc.) oder von McDonald`s. 

Diese Entwicklung ist ein Grund zur Freude, aber möglicherweise nicht für alle. Den bis zum Ausruf des Islamischen Staats (IS, zeitweise ISIS) waren sogenannte "Killerspiele" angeblich verantwortlich für jeden Amoklauf und jedes Gewaltverbrechen, das von jungen Männern begangen wurde.

Wir reisen rund 10 Jahre in die Vergangenheit ins Jahr 2007. Die immer leistungsfähigere Hardware, die gleichzeitig zu immer tieferen Preisen angeboten wurde, führte zu einem regelrechten Innovationsschub in der Computerspielbranche. Sinnbildlich sind die beiden Ego-Shooter (*3) "Crysis" (*4) und "Call of Duty 4: Modern Warfare" (*5). Massive grafische Verbesserungen führten dazu , dass Computerspiele erstmals "mehr oder weniger realistisch" wirkten, dies führte bei viele "Experten" und Politikern zu regelrechten Angstzuständen. Reihenweise wurden Verbotsforderungen und Strafanzeigen gegen Verkäufer (z. B. Mediamarkt) eingereicht. Schon damals war nicht bewiesen, dass es einen Zusammenhang zwischen Computerspielen und Gewalttaten gibt, dennoch wurde nach jedem Amoklauf sofort die Frage gestellt: "Spielte der Täter Killerspiele?", aktuell (2017) lautet diese Frage "War der Täter ein muslimischer Flüchtling?" Während der IS tatsächlich eine gewalttätige Terrororganisation ist und Flüchtlinge tatsächlich häufiger in der Kriminalstatistik auftauchen als andere, so gibt es bei Computerspielern nicht einmal den Ansatz von Beweisen für ein systematisches Gewaltpotenzial.

Zwei Dinge haben sich zwischen 2007 und 2017 geändert, einerseits hat die Jugendgewalt stark abgenommen.
Anderseits wurden Computerspiele noch einmal massiv realistischer und vor allem (von der breiten Öffentlichkeit unbemerkt) auch brutaler. Die "härtesten" Computerspiele stellen Gewalt zwar immer noch harmloser dar als die "härtesten" Filme, dennoch erlauben sich Spiele immer gewagtere Spielinhalte. So z. B. das 2015 erschienene Spiel "Hatred", die Spielhandlung lasst sich in einem Satz zusammenfassen: "Der Protagonist ist ein misanthropischer (Menschen hassender) Massenmörder, der einen "Genozid-Kreuzzug" beginnt, um so viele Menschen wie möglich zu töten." Der philosophische Anspruch der Handlung ist vergleichbar mit den Bewertungen der Fachpresse.
Das Spiel wird als "Spiel für Loser", "Zeitverschwendung" und "anspruchslos und langweilig" bezeichnet. Wenn wir hier als Gegenbeispiel den Film "A serbian Film" hinzuziehen, wird schnell klar, dass Filme massiv menschenverachtendere und brutalere Elemente einbauen als Games, so thematisiert "a serbian Film" z.B. auch Vergewaltigungen (unter anderem von Kleinkindern!), in Spielen sind das nach wie vor Tabuthemen. Zu Empfehlen ist weder das Spiel noch der Film, ausser Brutalität und Verstörung bieten beide wenig, auch der kommerzielle Erfolg von beiden ist nur sehr beschränkt.
Als 2007 Computerspiele für Amokläufe verantwortlich gemacht wurden, ging es um wesentlich harmlosere Inhalte.

Die Diskussion um Computerspiele zeigt eindrücklich, dass "neue Dinge" häufig bereits mit Vorurteilen belastet werden, bevor die Wissenschaft zum Zuge kommen kann. Es ist nicht auszuschliessen, dass dies bei der Digitalisierung ähnlich ist.


*1 - Die Gamescom ist die weltweit grösste Messe für Computerspiele, mehr als 900 Aussteller aus über 50 Ländern präsentieren ihre Neuheiten den rund 350000 Besuchern auf einer Ausstellungsfläche von rund 200000 Quadratmetern. (Stand 2017)

*2 - Quelle: Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware (BIU).

 

*3 - "Ego-Shooter" ist eine Unterkategorie der "Shooter" im Genre "Actiongames".
Ein Shooter ist ein Videospiel, in dem hauptsächlich scharf geschossen wird, dabei ist es irrelevant auf wen oder was  bzw. in welchem Zusammenhang geschossen wird. In einem Ego-Shooter sieht man das Spielgeschehen aus der sogenannten Egoperspektive und in einem Third-Person-Shooter erlebt man das Geschehen aus der Sicht einer dritten Person. Je nach Handlung werden die Ego-Shooter weiter unterteilt: z.B. in Zombieshooter, Taktikshooter, Openworld-Shooter. 

*4 - Das Videospiel "Crysis" ist der erste Teil einer Egoshooter-Triologie vom deutschen Entwickler Crytek.
Crysis läuft über die Hauseigene Cryengine 2 (bzw. Cryengine 3 auf der Xbox 360 und der PS3 Version) und setzte zur Zeit der Veröffentlichung über mehrere Jahre hinweg neue Massstäbe im Bereich Grafik und Leveldesigne. 
Die Handlung spielt auf einer fiktiven Tropeninsel im ostchinesischen Meer, auf der ein Forschungsteam vermisst wird. Als Einheit eines Spezialteams des US-Militärs machen Sie sich auf die Suche nach dem Forschungsteam und kämpfen zuerst gegen die KVA (Nordkoreanische Volksarmee) und im späteren Spielverlauf auch gegen Ausserirdische. Dabei können Sie auf eine sogenannte Nanosuit zurückgreifen die Ihnen diverse taktische Möglichkeiten gibt z. B. Tarnvorrichtung, Panzerungsmodus etc. Ebenfalls ist es möglich in einem laufenden Gefecht die Waffenkonfigurationen anzupassen, so spielt sich das Spiel äusserst taktisch und abwechslungsreich.

*5 - Das Videospiel "Call of Duty 4: Modern Warfare" ist der vierte Teil einer Egoshooter-Serie vom US-Entwicklungsstudio Infinity Ward. COD 4: MW wird über die IW Engine betrieben. 
Die Handlung spielt in der Gegenwart hauptsächlich in Russland und einem fiktiven arabischen Staat, die Handlung ist deutlich realistischer als bei Crysis und hat unweigerlich Ähnlichkeiten mit dem Irakkrieg. 
Das Spiel ist vor allem durch seinen kurzweiligen Multiplayer bekannt, indem sowohl schnell als auch taktisch gespielt wird. Der Nachfolger Call of Duty 6: Modern Warfare 2 der 2 Jahre später erschien, stand zeitweilig in der Kritik wegen einer Mission, in der ein Terroranschlag auf einen Moskauer Flughafen verübt wird. Vielen Spielern ist diese Mission aber nicht bekannt, da ein Grossteil der Spieler nur im Multiplayer spielt.  

Quellen

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