Am 14. Juni stimmen wir über die «Keine 10-Millionen-Schweiz! (Nachhaltigkeitsinitiative)» der SVP ab. Wer eine Mehrheit gegen diese Initiative mobilisieren will, steht damit vor einer anspruchsvollen Aufgabe. Klar ist für mich vor allem eines: Es reicht nicht aus, ausschliesslich mit der drohenden Kündigung der bilateralen Abkommen zu argumentieren. Dieses Argument ist sachlich richtig und politisch relevant, emotional überzeugt es jedoch nur begrenzt. Vielleicht müsste man den Mut haben, die eigentliche Kernfrage offen zu stellen: Ist es wirklich per se schlimm, wenn in der Schweiz zehn Millionen Menschen oder mehr leben würden? Bei dieser Frage gibt kein richtig oder falsch. Es wäre aber schön, wenn sich beide Seiten der jeweiligen Konsequenzen bewusst wären. Bei einem JA müsste der demografische Wandel innert weniger Jahre in die entgegengesetzte Richtung gehen (höhere Geburtenraten). Bei einem NEIN müssten wir endlich aufhören, von Verdichtung zu sprechen, sondern tatsächlich auch dichter bauen. Beides ist in der Schweiz aktuell unrealistisch und genau das ist das Problem!
Nicht Angst vor Wachstum, sondern Angst vor Veränderung
Ein Blick in andere Weltregionen relativiert vieles. Internationale Metropolen wie Tokio oder Hongkong zeigen, dass selbst deutlich höhere Bevölkerungsdichten nicht zwangsläufig zu einem gesellschaftlichen oder infrastrukturellen Kollaps führen. Verglichen damit ist die Schweiz noch weit entfernt von einem sprichwörtlich «vollen Boot».
Dass Autobahnen, Züge oder Innenstädte bei uns oft überfüllt wirken, hat weniger mit der absoluten Bevölkerungszahl zu tun als mit unseren stark synchronisierten Lebensmodellen. In der Schweiz arbeiten, pendeln, reisen und konsumieren sehr viele Menschen zur gleichen Zeit. In vielen internationalen Grossstädten verteilt sich das Leben hingegen viel gleichmässiger über den Tag. Läden sind dort selten leer (oder geschlossen), aber auch selten komplett überfüllt – sie sind über lange Zeiträume einfach konstant gut besucht.
Diesen strukturellen Unterschied unterschätzen wir in der Debatte häufig. Der sogenannte Dichtestress ist in der Schweiz relativ neu, und entsprechend unbeholfen gehen wir bislang damit um,
insbesondere wenn es darum geht, Stosszeiten zu entzerren.
Diese zwei Bilder verdeutlichen dies sehr eindrücklich:
Verdichtet Bauen in Hong Kong.
Verdichtet Bauen in Zürich.
Verdichtung – aber bitte nicht zu viel?
Der Vergleich mit Hongkong ist unbequem, aber lehrreich. Wer von der Schweiz dorthin reist, merkt sofort den Unterschied: Hochhäuser, dichte Quartiere, ein intensives urbanes Leben. Die Schweiz tut sich mit dieser Form der baulichen Verdichtung bis heute schwer. Zwar wird viel darüber gesprochen, tatsächlich gebaut wird aber oft nur halbherzig – begleitet von unzähligen Einschränkungen. Ich war auch schon in Hong Kong und kann nur Positives berichten. Trotzdem bin ich nicht der Meinung, dass die Schweiz genauso werden muss oder soll. Ich verstehe gut, dass viele Menschen mehr privaten Raum wünschen und nicht in sehr kleinen Wohnungen leben möchten. Doch genau hier liegt ein zentraler Zielkonflikt.
Der hohe Platzanspruch – und seine Konsequenzen
Wie viel Platz jemand benötigt, ist subjektiv. Objektiv messbar ist jedoch, dass die Menschen in der Schweiz im internationalen Vergleich sehr viel Wohnfläche pro Person beanspruchen. Und dieser hohe Platzanspruch soll möglicherweise auch künftig unangetastet bleiben.
Dann müsste man allerdings ehrlich sein und die Konsequenzen benennen:
Wenn dieser individuelle Platzbedarf politisch nicht verhandelbar ist, dann wird es schwieriger, offene Arbeitsmärkte, Personenfreizügigkeit und letztlich auch die bilateralen Abkommen aufrechtzuerhalten. Diese Zielkonflikte lassen sich nicht dauerhaft ausblenden.
Vielleicht ist die Idee einer «maximal zehn Millionen Schweiz» tatsächlich das, was viele insgeheim wollen – auch wenn es Wohlstand kostet. Ein Ja zur Initiative würde diesen Preis zumindest kurzfristig mit sich bringen. Wie hoch er am Ende wirklich wäre, ist offen. Grossbritannien existiert nach seinem Kurswechsel schliesslich auch noch. Viele werden sich deshalb denken: Dann findet der Bundesrat schon einen anderen Weg.
Doch genau diese Haltung vermeidet die entscheidende Debatte: Wie offen, wie dicht und wie urban wollen wir als Gesellschaft wirklich sein?
Fazit - Die Schweiz kann wachsen, aber will sie auch?
Ich sehe grundsätzlich nichts Bedrohliches an einer Schweiz mit zehn Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern. Mein Eindruck ist vielmehr, dass die Schweiz sich mit dem Gedanken an echtes Stadtleben schwertut. Selbst viele Menschen, die heute in Schweizer Städten leben, wünschen sich im Grunde Verhältnisse wie auf dem Land. Doch zur Stadt gehören nun einmal Dinge, die wir gerne ausblenden: Eine gewisse Lärmbelastung, Verdichtung, Nutzungskonflikte und auch visuelle Enge. Man kann nicht erwarten, dass an jeder Ecke ein Baum steht, dass Hochhäuser keine Schatten werfen oder dass das nächtliche Leben vollständig zum Stillstand kommt. Eine Stadt bedeutet Aktivität – auch spät abends – genauso wie den Verlust mancher Aussicht. Wer all das nicht will, wünscht sich im Grunde keine Stadt. Dieser Wunsch lässt sich jedoch nicht gleichzeitig mit weiterem wirtschaftlichem Wachstum und internationaler Offenheit vereinbaren.

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