Von Kim Rast - Inspiriert durch den Song von Greis «Teil vomne Ganze» (etwas weiter unten findet man das Youtube Video dazu)
Die Schweiz ist ein starkes Land. Nicht weil wir perfekt sind. Nicht weil wir alles besser machen als andere. Sondern weil wir gelernt haben, Probleme pragmatisch zu lösen, Verantwortung zu übernehmen und gemeinsam nach vorne zu gehen.
Genau deshalb macht mir die sogenannte «Keine 10 Millionen Schweiz» Initiative Sorgen. Sie verkauft einfache Antworten auf komplexe Fragen. Sie spielt mit Ängsten und tut so, als könne man die Zukunft unseres Landes mit einer einzigen Zahl lösen. 10 Millionen. Fertig. Problem gelöst.
Aber die Realität funktioniert nicht so. Die Schweiz ist keine Excel Tabelle. Menschen sind keine Statistik. Unsere Zukunft lässt sich nicht mit einem starren Deckel planen.
Ich gehöre zu einer jungen Generation, die jeden Tag mit den Folgen politischer Entscheidungen leben muss. Wir erleben steigende Mieten. Wir kämpfen mit hohen Krankenkassenprämien. Wir sorgen uns um das Klima. Wir fragen uns, ob wir uns später überhaupt noch ein normales Leben leisten können. Aber genau deshalb dürfen wir jetzt nicht auf populistische Schnellschüsse hereinfallen. Denn diese Initiative löst keines dieser Probleme. Sie macht sie schlimmer.
Die Schweiz braucht Menschen
Viele sprechen heute über Zuwanderung, als wäre sie einfach ein Problem. Dabei vergessen wir oft, wer diese Menschen überhaupt sind. Es sind die Pflegefachkräfte im Spital, die Menschen, die unsere Grosseltern betreuen. Die Bauarbeiter*innen, die Wohnungen bauen. Die IT Spezialist*innen, die unsere Wirtschaft digitalisieren. Die Forschenden an unseren Hochschulen. Die Serviceangestellten im Restaurant. Die Menschen, die jeden Morgen früh aufstehen und dieses Land mittragen.
Wer heute ernsthaft glaubt, die Schweiz könne einfach die Türen schliessen und trotzdem denselben Wohlstand behalten, ignoriert die Realität. Unsere Gesellschaft wird älter. Immer mehr Menschen gehen in Pension. Gleichzeitig fehlen schon heute Fachkräfte in zentralen Berufen. Und genau in dieser Situation will die Initiative einen starren Bevölkerungsdeckel einführen.
Die Initiative klingt vielleicht im ersten Moment lösungsorientiert. In Wahrheit ist sie gefährlich. Denn wenn wir weniger Menschen haben, die arbeiten und mithelfen, dann bricht irgendwann etwas weg. Nicht irgendwann in hundert Jahren, sondern bald. Die Folgen würden wir alle spüren. Längere Wartezeiten im Gesundheitswesen, weiterhin steigende Preise und noch mehr Stress im Alltag.
Die Schweiz funktioniert nur, weil Menschen hier anpacken. Genau deshalb warnen nicht nur Politikerinnen und Politiker vor dieser Initiative, sondern auch Arbeitgeberverbände, Wirtschaftsorganisationen und zahlreiche Unternehmen. Sie wissen, was passiert, wenn plötzlich Arbeitskräfte fehlen.
Wir müssen die Integration ernst nehmen. Natürlich braucht es Regeln. Natürlich braucht es Ordnung. Aber wer behauptet, man könne die Schweiz einfach abschotten, glaubt an Illusionen.
1848 statt 1291
Die Geschichte der Schweiz zeigt: Erfolg entstand nie durch Abschottung, sondern durch Offenheit, Austausch und Anpassungsfähigkeit. Als kleines, rohstoffarmes Land im Herzen Europas war die Schweiz seit jeher darauf angewiesen, mit den Nachbarn Handel zu treiben, diplomatische Beziehungen zu pflegen und sich wirtschaftlich flexibel auf Veränderungen einzustellen.
Die oft betonte Neutralität bedeutete dabei nie Isolation. Nach den Kriegen der frühen Neuzeit entwickelte sich die Schweiz zwar zu einem neutralen Staat, blieb aber wirtschaftlich und politisch eng mit Europa verflochten. Spätestens mit der Anerkennung der Neutralität 1815 und der Gründung des Bundesstaates 1848 entstand ein moderner Wirtschaftsraum, der auf internationale Handelsbeziehungen angewiesen war.
Auch in den beiden Weltkriegen zeigte sich, dass die Schweiz nicht unabhängig von ihrem Umfeld existieren konnte. Obwohl sie militärisch verschont blieb, war sie wirtschaftlich stark von den umliegenden Staaten abhängig vor allem in den Bereichen Energie, Rohstoffe und Lebensmittel.
Der wirtschaftliche Erfolg der Schweiz basiert bis heute auf Offenheit. Weil unserem Land natürliche Ressourcen fehlen, spezialisierten wir uns früh auf hochwertige Exportprodukte und Dienstleistungen, wie zum Beispiel Uhren und Maschinen bis hin zu Pharma, Banken und Versicherungen. Fast jeder zweite Franken wird heute im Ausland verdient. Die enge Zusammenarbeit mit internationalen Märkten und besonders mit Europa ist deshalb kein Widerspruch zur Schweizer Identität, sondern eine ihrer wichtigsten Grundlagen.
Diese Realität gilt auch heute. Die Beziehungen zur Europäischen Union, die bilateralen Verträge und insbesondere die Personenfreizügigkeit sind zentrale Pfeiler für unsere Wirtschaft und unseren Arbeitsmarkt. Sie ermöglichen nicht nur den Zugang zu einem grossen Markt, sondern auch den Austausch von Fachkräften, Studierenden und Forschenden. Genau dieser Austausch hält viele Branchen überhaupt funktionsfähig. Die Initiative könnte die Zusammenarbeit massiv gefährden und hätte somit weitreichende Folgen.
Wenn der Zugang zu Talenten aus dem Ausland erschwert wird, verschärft sich der Fachkräftemangel. Unternehmen und Hochschulen verlieren an Wettbewerbsfähigkeit, und die Innovationskraft sinkt. Gleichzeitig würde auch der kulturelle Austausch abnehmen, der die Schweiz über Jahrzehnte geprägt hat und sie lebendig und vielfältig hält.
Krisen wie die Weltwirtschaftskrise, die Ölkrise der 1970er Jahre oder aktuelle Abhängigkeiten bei Technologie und Lieferketten verdeutlichen zudem: Die Schweiz war, wie alle anderen Staaten auf dieser Welt, nie vollkommen unabhängig von ihren Nachbarn. Ihre Stärke lag vielmehr darin, sich immer wieder neu mit der Welt zu vernetzen und pragmatische Lösungen zu finden.
Die Schweizer Geschichte macht deutlich: Wohlstand, Stabilität und Unabhängigkeit entstanden nicht durch Isolation, sondern durch Offenheit, Zusammenarbeit und internationale Verbindungen. Gerade in einer Zeit, in der weltweite Konflikte zunehmen und wirtschaftliche Unsicherheit wächst, wäre es riskant, diesen Weg zu verlassen und die Schweiz künstlich zu begrenzen. Die Stärke unseres Landes liegt nicht in der Abschottung, sondern in der Fähigkeit, offen zu bleiben, gemeinsame Herausforderungen anzunehmen und somit im globalen Wettbewerb um Talente und Ideen mitzuhalten.
Die junge Generation zahlt den Preis
Es nervt mich ehrlich gesagt, wie oft Politik heute auf Kosten der jungen Generation gemacht wird. Viele ältere Politiker*innen reden ständig davon, dass früher alles besser gewesen sei. Weniger Menschen. Weniger Verkehr. Weniger Druck. Aber gleichzeitig erwarten sie, dass wir Jungen die Wirtschaft am Laufen halten, die AHV finanzieren, den Fachkräftemangel lösen und auch noch die Klimakrise bewältigen.
Früher wurde die AHV von deutlich mehr Erwerbstätigen pro Rentner finanziert als heute. In den 1950er-Jahren kamen noch rund 6 Erwerbstätige auf eine pensionierte Person. Heute sind es nur noch etwa 3. Und in den nächsten 20 Jahren dürfte das Verhältnis gegen 2 zu 1 sinken.
Zusammengefasst: Unsere Gesellschaft wird älter und ohne genügend junge Menschen gerät unser Sozialstaat unter Druck. Genau deshalb sind junge Arbeitskräfte so wichtig: Sie arbeiten, zahlen Steuern und finanzieren unsere Renten, unser Gesundheitssystem und unseren Wohlstand mit.
Da die Geburtenrate in der Schweiz seit Jahren tief ist, fehlen immer mehr junge Menschen im Arbeitsmarkt. Migration hilft deshalb bereits heute, diese Lücke teilweise zu schliessen. Ohne diese Arbeitskräfte würden viele Branchen und auch die Finanzierung der AHV noch stärker unter Druck geraten.
Wer also über die Zukunft der Schweiz spricht, muss auch ehrlich über Demografie sprechen: Ohne junge Menschen gibt es langfristig weder genügend Fachkräfte noch stabile Sozialwerke.
Die Initiative verkauft Nostalgie. Sie tut so, als könne man die Schweiz konservieren. Die Welt verändert sich aber und wenn wir nicht aufpassen, verlieren wir genau das, was die Schweiz stark gemacht hat: unsere Offenheit, Stabilität und Zusammenarbeit.
Frauen werden die Folgen besonders spüren
Über einen Punkt wird viel zu wenig gesprochen. Frauen werden die Folgen dieser Initiative besonders stark spüren.
Schon heute arbeiten viele Frauen in Berufen, die unter massivem Personalmangel leiden. Pflege. Betreuung. Bildung. Gesundheitswesen. Wenn dort noch mehr Fachkräfte fehlen, steigt der Druck auf bestehende Arbeitskräfte enorm. Mehr Überstunden. Mehr Belastung. Mehr Burnouts. Noch weniger Vereinbarkeit zwischen Beruf und Familie.
Und wer springt am Ende oft ein, wenn Betreuung fehlt? Frauen.
Es ist schon ironisch. Gewisse konservative Politiker reden ständig von Familienwerten. Gleichzeitig unterstützen sie eine Initiative, die genau jene Bereiche destabilisiert, auf die Familien angewiesen sind. Wir sprechen von Kitas, der Pflege, der Gesundheitsversorgung und auch dem Öffentlichen Verkehr.
Die Schweiz braucht Mut statt Angst – mein Appell
Diese Abstimmung ist wichtig. Vielleicht wichtiger, als viele denken. Denn sie entscheidet darüber, welche Richtung die Schweiz einschlägt.
Ich wünsche mir eine Schweiz, die selbstbewusst nach vorne schaut. Eine Schweiz, die Herausforderungen pragmatisch löst. Eine Schweiz, die offen bleibt. Eine Schweiz, die Frauen stärkt. Eine Schweiz, die Innovation fördert. Eine Schweiz, die Nachhaltigkeit ernst nimmt. Und eine Schweiz, die Menschen nicht gegeneinander ausspielt.
Ich glaube an eine moderne, liberale, faire und nachhaltige Schweiz. Genau deshalb sage ich klar Nein zu dieser Initiative. Nicht weil alles perfekt läuft. Sondern weil ich überzeugt bin, dass wir Probleme nicht mit simplen Parolen und starren Bevölkerungsobergrenzen lösen.
Die Schweiz war immer dann erfolgreich, wenn sie mutig war. Wenn sie nach vorne schaute. Wenn sie gemeinsam Lösungen fand. Genau jetzt braucht es diesen Mut wieder.
Also geht abstimmen. Nicht irgendwann. Nicht vielleicht. Sondern jetzt.
Unsere Generation sagt: «Lösungen statt Parolen!»

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