Ja zur Individualbesteuerung
Ich bin 25, politisch interessiert und Teil einer Generation, die Verantwortung neu denkt. In Beziehungen, in Familien, im Berufsleben. Viele von uns wollen Arbeit, Care-Arbeit und finanzielle Verantwortung teilen. Umso irritierender ist es, dass unser Steuersystem noch immer von einem Modell ausgeht, das mit dieser Realität wenig zu tun hat.
Am 8. März, ausgerechnet am internationalen Frauentag, stimmen wir über die Einführung der Individualbesteuerung ab. Das klingt nach Zahlen, Paragrafen und Bürokratie. Tatsächlich geht es um etwas viel Grundsätzlicheres: um Gleichstellung und darum, wie ernst wir sie wirklich nehmen.
Dabei ist das Problem längst bekannt. Schon 1984 hat das Bundesgericht festgehalten, dass die sogenannte Heiratsstrafe verfassungswidrig ist. Ehepaare zahlen oft mehr Steuern als unverheiratete Paare mit gleichem Einkommen. Seit über vierzig Jahren weiss man das. Und trotzdem wurde bis heute keine überzeugende Lösung umgesetzt. Nicht, weil es unmöglich wäre. Sondern weil man sich immer wieder für halbe, komplizierte oder politisch bequeme Umwege entscheidet.
Warum die Gegenvorschläge genau das sind: Umwege
Gegner:innen der Individualbesteuerung behaupten gerne, sie seien auch gegen die Heiratsstrafe – aber eben „nicht so“. Stattdessen werden Modelle wie Vollsplitting, Teilsplitting oder die alternative Steuerberechnung angepriesen. Was sie gemeinsam haben: Sie halten an der gemeinsamen Besteuerung fest. Und genau das ist der Kern des Problems.
Das Vollsplitting mag auf den ersten Blick simpel wirken. Doch dieses Modell ist extrem teuer; der Bund rechnet mit Steuerausfällen von bis zu drei Milliarden Franken pro Jahr. Vor allem aber zementiert es ein überholtes Rollenbild: Es macht das Zweiteinkommen – meist das der Frau – steuerlich unattraktiv. Mehrarbeit lohnt sich oft nicht, Teilzeit wird begünstigt und finanzielle Abhängigkeit bleibt bestehen. Gleichzeitig profitieren vor allem hohe Einkommen, während tiefere und mittlere Einkommen teilweise sogar schlechter gestellt würden. Gerecht ist das nicht und zukunftstauglich übrigens auch nicht.
Das Teilsplitting wird häufig als vernünftiger Kompromiss dargestellt. In Wirklichkeit ist es ein halber Schritt. Die Heiratsstrafe wird nicht abgeschafft, sondern lediglich abgeschwächt – und das auch nicht konsequent. Je nach Einkommensverteilung zahlen Ehepaare weiterhin mehr als unverheiratete Paare. Das Modell bleibt kompliziert, zivilstandsabhängig und letztlich unfair. Wer gleich viel verdient, wird unterschiedlich besteuert, je nachdem, ob ein Trauschein vorhanden ist oder nicht. Dass dieses System ebenfalls Milliarden kostet, ohne das Grundproblem zu lösen, macht es wenig überzeugend.
Bleibt die alternative Steuerberechnung. Technisch ist sie clever, politisch aber feige. Ehepaare werden weiterhin gemeinsam besteuert, zusätzlich wird im Hintergrund ausgerechnet, wie viel ein unverheiratetes Paar zahlen würde – und nimmt den tieferen Betrag. In gewissen Fällen verschwindet so zwar die Heiratsstrafe, gleichzeitig entstehen neue Ungleichheiten. Unverheiratete Paare werden bewusst schlechter gestellt, der Heiratsbonus bleibt bestehen, das System wird noch unübersichtlicher. Von echter Vereinfachung oder Gleichstellung kann keine Rede sein. Vor allem aber bleiben die falschen Erwerbsanreize bestehen – genau dort also, wo Frauen heute schon verlieren.
Individualbesteuerung: der einzige konsequente Schritt
Die Individualbesteuerung geht einen anderen Weg Sie fragt nicht mehr nach dem Zivilstand, sondern behandelt jede Person als das, was sie ist: ein eigenständiges wirtschaftliches Individuum. Jede wird für sich besteuert, unabhängig davon, ob sie verheiratet ist oder nicht. Wer mehr arbeitet, wird nicht bestraft. Wer eine Familie gründet, verliert nicht automatisch finanzielle Freiheit.
Gerade für Frauen ist das entscheidend. Heute lohnt sich Mehrarbeit oft schlicht nicht, weil das Zweiteinkommen stark besteuert wird. Das hält viele im Teilzeitpensum, macht finanziell abhängig und schwächt die eigene Position – im Beruf wie im Privatleben. Die Individualbesteuerung durchbricht diesen Mechanismus. Sie schafft echte Anreize, stärkt wirtschaftliche Unabhängigkeit und nutzt endlich das Potenzial all jener, die gut ausgebildet sind und mehr arbeiten möchten.
Natürlich kostet auch dieses Modell Geld. Aber deutlich weniger als das Vollsplitting. Und vor allem investiert es dort, wo es langfristig Wirkung zeigt: in Gleichstellung, in Erwerbstätigkeit, in eine moderne Gesellschaft...
Ein JA, das mehr bedeutet als Steuern
Am 8. März stimmen wir nicht über ein perfektes System ab. Aber über das ehrlichste. Über das einzige Modell, das die Heiratsstrafe wirklich abschafft, ohne neue Ungerechtigkeiten zu schaffen. Und über ein klares Zeichen dafür, wie ernst wir Gleichberechtigung nehmen.
Ein JA zur Individualbesteuerung ist ein JA zu fairen Chancen, zu Selbstbestimmung und zu einer Schweiz, die Frauen nicht länger strukturell benachteiligt.
Und ja: Jede Stimme zählt.
Gerade deine.
Ich stimme JA. Für mich. Für uns. Für die Zukunft.

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