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Was die Schweiz von Hong Kong lernen kann – und was nicht

Mein persönlicher Erfahrungsbericht aus Hong Kong

Verdichtet bauen, Preise stabilisieren und Chancen für die Zukunft nutzen

Da ich erst kürzlich im Februar 2026 Hong Kong bereisen durfte, habe ich eine Blog geschrieben über Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Die Schweiz und Hong Kong könnten auf den ersten Blick kaum unterschiedlicher sein – geografisch, historisch, politisch. Und doch haben beide hochentwickelten Gesellschaften mit denselben Herausforderungen zu kämpfen: Wohnraummangel, steigende Preise und eine Bevölkerung, die trotz begrenztem Boden weiter wächst. Beide Regionen ziehen Menschen aus aller Welt an, was Wohlstand schafft, aber gleichzeitig enormen Druck auf den Wohnungsmarkt ausübt.

Mein Blick nach Hong Kong – einem extrem verdichteten, aber zugleich innovativen Wohnungsmarkt – soll helfen, Lösungsansätze für die Schweiz besser einzuordnen und neue Perspektiven zu eröffnen.

Wolkenkratzer in Hong Kong

  • Aufgrund der bergigen Topografie ist bebaubare Fläche extrem knapp, was zu extremem vertikalen Wachstum führt.
  • Das International Commerce Centre (484 m) ist das höchstes Gebäude der Stadt. 
  • Gesamthaft 569 Wolkenkratzer (>150m).
  • Spitzenposition: Hongkong führt die Weltrangliste vor Shenzhen und New York City an.
  • Hohe Dichte: Die Stadt hat mehr Wolkenkratzer (über 200m) als ganz Europa.

Hong Kongs extreme Dichte – und ihr Erfolgsrezept im Wohnungsbau

Hong Kong gehört zu den am dichtesten besiedelten Regionen der Welt: In einigen Bezirken wie Kowloon leben bis zu 45’000 Menschen pro Quadratkilometer. Gleichzeitig verfügt die Stadt über eines der umfangreichsten staatlichen Wohnungsbauprogramme weltweit. Rund 45–46 % der Bevölkerung leben in staatlichen oder subventionierten Wohnungen – ein Spitzenwert unter Industriestaaten. Da stehen mir als Liberaler zuerst einmal die Haare zu Berge, aber warten wir mal ab. 

Die Regierung verfolgt klare Ziele: Zugang zu Wohnraum für einkommensschwächere Haushalte, ein „Housing Ladder“-Modell für die Mittelschicht und ein stabilisierter Immobilienmarkt. Im vierten Quartal 2024 existierten rund 3 Millionen Wohnungen, davon knapp 866’500 öffentliche Mietwohnungen und 454’900 subventionierte Eigentumswohnungen. Etwa 29 % der Bevölkerung lebt in öffentlichen Mietwohnungen und 15 % in subventionierten Eigentumswohnungen.

Diese starke staatliche Intervention bremst extreme Preisschwankungen im Basissegment und schafft eine verlässliche Grundversorgung. Gleichzeitig bleibt das frei finanzierte Segment teuer – eine Parallele zur Schweiz.

Die Schattenseiten: Armutsfalle trotz Hochhäusern

Trotz erfolgreichem Wohnungsbau gibt es in Hong Kong auch drastische soziale Gegensätze: Rund 1,3 Millionen Menschen leben unter der Armutsgrenze und viele in extrem prekären „Subdivided Units“, winzigen, oft fensterlosen Räumen. Die Mietpreise im privaten Markt liegen für viele unerreichbar hoch. Dass Luxus und Armut Tür an Tür existieren, ist tragischer Alltag.

Der Staat tut viel – aber er kann die Marktdynamik in einer globalen Finanzmetropole nur bedingt kontrollieren. Die Schweiz kann hier lernen: Staatlicher Wohnungsbau alleine löst das Problem nicht, wenn gleichzeitig die Nachfrage explodiert und das Bodenangebot extrem begrenzt bleibt.

Die Schweiz im Vergleich: Wohnraummangel trotz Wohlstand

Auch in der Schweiz spitzt sich der Wohnungsmarkt zu. Die Nachfrage steigt seit Jahren – getrieben durch Zuwanderung, wirtschaftliche Stärke, steigende Ansprüche nach mehr Wohnraum pro Person und Urbanisierung. Gleichzeitig ist das Angebot knapp.

Die Leerstandsquote liegt aktuell bei nur 1 %, einem kritischen Wert, der weit unter der Schwelle eines entspannten Marktes (≥2 %) liegt. Einige Regionen melden sogar Quoten unter 0.5 % – faktisch gibt es dort keine freien Wohnungen mehr.

Der Mietmarkt zeigt zwar Anzeichen von Stabilisierung, aber Immigration und ein strukturell limitiertes Angebot bleiben preistreibende Faktoren. Die Preise für Eigenheime und Mietwohnungen steigen – besonders für familiengerechte 3- bis 4-Zimmer-Wohnungen, die schweizweit am stärksten fehlen.

Auch die aktuelle Zuwanderung trägt zum Druck bei: 2024 lag der Wanderungssaldo bei 82’800 Personen, wobei besonders Menschen aus EU/EFTA-Staaten und Asien zuzogen. Diese Nettozuwanderung verstärkt dauerhaft den Bedarf an neuem Wohnraum.

Verdichtungsdruck – aber in unterschiedlicher Ausprägung

Eine ETH-Studie von 2025 zeigt, dass Verdichtung in der Schweiz regional sehr unterschiedlich umgesetzt wird. Während in Kernstädten wie Zürich oder Basel vermehrt alte Gebäude ersetzt, aufgestockt oder Industrieareale umgenutzt werden, wird in den Agglomerationen weiterhin oft auf unbebautem Land gebaut.

Interessant: Trotz rückläufiger Bautätigkeit insgesamt wächst der Wohnungsbestand in fast allen Agglomerationen netto – einfach langsamer als früher. In Zürich wurden zwischen 2015 und 2020 mehr als 14’000 Menschen durch Ersatzneubauten oder Totalsanierungen verdrängt; in Genf hingegen nur 467. Besonders betroffen sind Menschen mit tiefen Einkommen sowie Migrantinnen und Migranten. 

Dies zeigt: Verdichtung ist sozialpolitisch heikel, aber alternativlos.

Was die Schweiz von Hong Kong lernen kann

1. Klare Zielgruppenpolitik im Wohnungsbau

Hong Kong segmentiert den Markt effizient:

  • Öffentliche Mietwohnungen für tiefe Einkommen
  • Subventionierte Eigentumswohnungen für die Mittelschicht
  • Freier Markt für höhere Einkommen und Investoren

Diese Dreiteilung schafft Transparenz und Planungssicherheit. In der Schweiz wäre ein stärker harmonisiertes und koordinierteres System denkbar, insbesondere bei gefördertem Wohnraum.

2. Grössere staatliche Rolle bei der Bodenpolitik

Hong Kong besitzt grosse Teile des Bodens—und kann damit Wohnungsbau strategisch steuern.

In der Schweiz sind Bodenreserven stark fragmentiert und oft in privater Hand, was die Entwicklung hemmt. Liberale Eingriffe in die Bodenpolitik – z. B. zeitlich begrenzte Erbpachtmodelle – könnten Spielraum schaffen, ohne den Markt zu überregulieren.

3. Verdichtung als Chance, nicht als Bedrohung

Hong Kongs Skyline zeigt: Verdichtung kann Lebensqualität ermöglichen, wenn sie gut geplant ist.

Die Schweiz muss stärker nach innen wachsen – aber ohne soziale Nebenwirkungen wie Verdrängung. Dazu braucht es:

  • verbindlichere städtebauliche Rahmenbedingungen
  • schnellere Prozesse
  • klar priorisierte Zonen für Aufstockungen und Ersatzneubauten
  • sozialverträgliche Begleitmassnahmen

4. Stabilisierung statt Preisdeckel

Hong Kong zeigt, dass massive staatliche Wohnprogramme Preise im Grundbedarf stabilisieren können, während der Markt im Premiumsegment dynamisch bleibt.

Für die Schweiz bedeutet das:

Die Lösung liegt nicht in harten Preisinterventionen oder einem Preisdeckel, sondern in mehr Angebot – intelligent, nachhaltig und sozial verträglich.

Fazit: Zwei Modelle – ein gemeinsames Problem

Die Schweiz und Hong Kong stehen vor einem ähnlichen Dilemma: Wie schafft man ausreichend Wohnraum, ohne Lebensqualität einzubüssen oder die soziale Stabilität zu gefährden?

  • Die Schweiz kämpft mit strukturellen Engpässen und langsamen Prozessen.
  • Hong Kong schafft viel Wohnraum, verliert aber zu oft den menschlichen Schwerpunkt aus dem Blick.

 

Aus liberaler Perspektive sage ich klar: Mehr Angebot, weniger Regulierung dort, wo sie Innovation blockiert – und gezielte soziale Abfederung dort, wo der Markt an Grenzen stösst. Das Beste beider Welten kombiniert könnte für die Schweiz ein Weg sein:

Mut zur Verdichtung, Offenheit für neue Wohnmodelle, effiziente Planung – und gleichzeitig Respekt vor sozialen Realitäten.

Wissenswertes zum Thema Verdichtet bauen in der Schweiz

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KSTE-BS_Grundlagenpapier-Verdichtung_Akt
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