Loa Wild, Präsidentin der Jungen Grünliberalen Schweiz
Vor einigen Wochen dominierte plötzlich eine steile These die sozialen Medien: «Gen Z Männer sind konservativer als ihre Grossväter!»
Da musste ich erst einmal leer schlucken – einerseits, weil das natürlich eine sehr beunruhigende Entwicklung wäre, andererseits, weil ich nicht ganz so überrascht war, wie ich es vielleicht gerne gewesen wäre. In Anbetracht des Erfolgs von Andrew Tate & Co., von Begriffen wie «Toxic Masculinity», viraler Tweets wie «Your Body, My Choice» in den USA sowie der zunehmenden geschlechterspezifischen Unterschiede in den politischen Einstellungen unserer Generation erscheint eine solche Entwicklung auf den ersten Blick erschreckend plausibel.
Grundlage dieser Debatte ist eine globale Untersuchung des King’s College London und Ipsos zum Internationalen Frauentag 2026. Dabei wurden über 23'000 Personen in 29 Ländern befragt. Eine der meistzitierten Aussagen daraus: 31 % der jungen Männer finden, dass eine Ehefrau ihrem Ehemann zu gehorchen hat.
Doch es lohnt sich – wie so oft – einen differenzierteren Blick auf die Studie zu werfen. Denn das Phänomen ist deutlich komplexer, als es uns mancher Insta-Account glauben lassen will.
Zum einen handelt es sich um eine globale Meinungsumfrage, die für Europa nur bedingt repräsentativ ist. Zum anderen zeigen sich auch bei Millennials und jungen Frauen unserer Generation teilweise traditionellere Ansichten als etwa bei ihren Grossmüttern. Und nicht zuletzt basiert die Umfrage auf teils sehr zugespitzten Fragen, vergleicht Generationen in unterschiedlichen Lebensphasen und arbeitet mit einer Stichprobe, die – da die Teilnehmenden selbst entscheiden, ob sie teilnehmen – potenziell durch Selbstselektion verzerrt ist.
Nichtsdestotrotz, welche Erkenntnisse können wir daraus ziehen?
Zwischen Gleichstellung und alten Rollenbildern
Schaut man sich die Ergebnisse genauer an, fällt vor allem eines auf: Widersprüche. Viele junge Männer geben an, dass sie traditionelle Rollenbilder attraktiv finden. Gleichzeitig finden sie aber auch selbstbewusste, erfolgreiche Frauen anziehend. Erfolg im Beruf wird also geschätzt, während in Beziehungen teilweise weiterhin klassische Machtverhältnisse erwartet werden. Diese Gleichzeitigkeit von progressiven und traditionellen Vorstellungen zieht sich durch viele Bereiche.
Auch bei der Selbstbezeichnung als Feminist:in zeigt sich ein interessantes Bild. In keiner Generation ist die Zustimmung höher als bei der Gen Z. Sogar unter Männern steigt dieser Wert, wenn auch auf tieferem Niveau.
Oder ein anderes Beispiel: Die Aussage, Frauen seien „von Natur aus besser für Kinderbetreuung geeignet“, findet zwar Zustimmung, aber vor allem bei älteren Generationen. Bei jungen Frauen hingegen gibt es hier kaum Zustimmung, auch wenn ein Teil der Millennials dieser Aussage noch zustimmt. Kurz gesagt: Die Realität ist deutlich weniger eindeutig, als es die zugespitzte Social-Media-Debatte vermuten lässt.
Wie wir geprägt werden
Besonders spannend wird es, wenn man sich die Unterschiede zwischen Ländern anschaut. Denn sie zeigen etwas Entscheidendes: Wie Gleichstellung in einer Gesellschaft gelebt wird, hat einen direkten Einfluss darauf, welche Rollenbilder junge Menschen entwickeln. In Ländern, in denen traditionelle Rollen stärker gesellschaftlich verankert sind, oft geprägt durch Religion, familiäre Strukturen und soziale Normen, sind auch die Einstellungen junger Menschen konservativer. Umgekehrt zeigt sich in vielen westeuropäischen Staaten ein deutlich progressiveres Bild. Dieses ist geprägt durch politische Förderung von Gleichstellung, eine höhere Akzeptanz unterschiedlicher Lebensmodelle und eine stärkere Betonung individueller Freiheit.
Das bedeutet Einstellungen entstehen nicht im luftleeren Raum. Sie sind immer auch ein Spiegel gesellschaftlicher Rahmenbedingungen. Das sind auch gute Nachrichten für uns Politiker:innen. Fortschritte in der Gleichberechtigung haben eine klare Strahlwirkung, denn sie verändern, wie junge Menschen über Rollen, Beziehungen und Identität denken.
Wenn Fortschritt Unsicherheit auslöst
Gleichzeitig scheint dieser Fortschritt bei einem Teil junger Männer auch etwas anderes auszulösen: Unsicherheit. In einer Zeit, in der Gleichstellung sichtbarer wird und traditionelle Rollenbilder zunehmend hinterfragt werden, entsteht bei manchen das Gefühl, an Orientierung oder auch an Status zu verlieren.
Diese Unsicherheit äussert sich aber nicht unbedingt in einem klaren ideologischen „Rechtsruck“. Vielmehr zeigt sie sich in den erwähnten widersprüchlichen Haltungen. Junge Männer können also Gleichstellung grundsätzlich befürworten und gleichzeitig einzelnen Aussagen zustimmen, die klar traditionellen Rollenbildern entsprechen.
Sie wachsen in einem Spannungsfeld auf. Einerseits erleben sie eine Gesellschaft, die Fortschritte in der Gleichstellung macht und traditionelle Rollenbilder zunehmend hinterfragt. Andererseits sind patriarchale Strukturen nach wie vor präsent und prägen Erwartungen daran, was als «männlich» gilt. Das klassische Männerbild wird also zu Recht infrage gestellt, ohne dass gleichzeitig neue, tragfähige Orientierungen entstehen. Viele junge Männer lernen zudem nie richtig, mit ihren Emotionen umzugehen, und werden für «unmännliches» Verhalten von klein auf belächelt oder abgewertet.
So entsteht ein innerer Konflikt, zwischen dem Anspruch, sich zu verändern, und dem Druck, weiterhin bestimmten Vorstellungen von Männlichkeit zu entsprechen.
Die eigentliche Herausforderung
Und genau darin liegt die eigentliche Herausforderung, denn solche Spannungen sind ein idealer Nährboden für vereinfachende Narrative. Für Stimmen, die komplexe Entwicklungen auf einfache Erklärungen reduzieren. Und für Akteure, die gezielt mit Verunsicherung arbeiten, um progressive Errungenschaften infrage zu stellen – siehe Andrew Tate, aber auch andere, deutlich mächtigere politische Kräfte.
Die Studie deutet somit auf Spannungen hin, liefert aber grundsätzlich keinen Beweis dafür, dass die Männer der Gen Z insgesamt konservativer sind. Was sie jedoch sehr deutlich zeigt: Gleichstellung ist kein linearer Prozess. Fortschritte bringen nicht nur Veränderungen, sondern auch Reibung. Für die Politik bedeutet das, dass wir diese Entwicklungen ernst nehmen müssen. Wir sollten sie weder dramatisieren noch ignorieren. Es reicht nicht, junge Männer pauschal als konservativ einzuordnen, aber genauso wenig hilft es, die Problematik kleinzureden.
Stattdessen braucht es Antworten, die beides leisten. Konsequent für Gleichstellung einzustehen und gleichzeitig Räume zu schaffen, in denen Unsicherheiten angesprochen werden können, ohne dass sie sofort politisch instrumentalisiert werden.
Denn nur so lässt sich verhindern, dass aus punktueller Verunsicherung eine nachhaltige politische Verschiebung wird.

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